Henrike Sandner

Dresden vor über 30 Jahren – ein kreativer Gegenentwurf



Vielen, die den Fall der Mauer miterlebt haben, kommt die Zeit seit dem November 1989 sicher kürzer vor als 30 Jahre. Bereits eine Generation ist ohne die deutsche Teilung aufgewachsen, in einer völlig anderen Welt. Das damals so genannte «sozialistische Weltsystem» ging rasant unter, selbst an den Begriff kann sich heute kaum jemand erinnern. Dennoch haben Millionen Menschen in der DDR (wie auch in den anderen «Bruderstaaten») erfüllte Leben gelebt – unter oft schwierigen Bedingungen zwar, aber sie haben gelebt, geliebt, gelitten und gekämpft. Jenes Leben, die Atmosphäre von damals kann sich niemand vorstellen, der nicht Teil dessen war. Nachträgliche «Bewältigungsliteratur» oder «-Filme» werden dem nicht gerecht. Zumindest kenne ich kaum ein Beispiel, dem ich als Zeitzeuge aus vollem Herzen zustimmen würde, mit wenigen Ausnahmen…

Die Dokumentation «Dolce vita in der DDR – Ein Elbdampfer voller Exoten» von Henrike Sandner, welche ich an dieser Stelle allen ans Herz legen möchte, die historisch wie auch kulturell interessiert sind, ist präzise recherchiert und transportiert eine Stimmung, die mit Worten allein schwer zu beschreiben wäre. Obwohl ich an jenen, von Christian Wegscheider organisierten legendären Dampferfahrten nicht teilgenommen habe, wurden sie dennoch zu einem lebendigen Teil meiner Vergangenheit. Ich kam erst 1990 nach der Wende als Kustos der Staatlichen Kunstsammlungen nach Dresden. Die kreative Atmosphäre jener Dampferfahrten jedoch war lebendig geblieben. Sie waren fantasievoller und gleichzeitig friedlicher Ausdruck der Freiheitssehnsucht einer ganzen Generation von Intellektuellen in der DDR. Freunde von mir, wie Matthias Griebel, der in der Dokumentation eine zentrale Rolle spielt, waren Teil dieser wunderbaren Aktionen gewesen und hatten oft davon erzählt.

Nicht zuletzt jene Erzählungen inspirierten damals ein Projekt, welches später mit dem Internationalen Kodak Fotobuchpreis ausgezeichnet wurde. Wir luden den Zürcher Fotografen Edy Brunner ein, der in den Jahren 1990 / 91 eine einmalige Fotodokumentation des jahrhundertelang als «Elbflorenz» bezeichneten Dresden in der Zeit direkt nach der Wende schuf. Das Buch erschien in der Schweiz. Die Buchpremiere feierten wir mit einer Ausstellung im Dresdner Stadtmuseum, als dessen Direktor binnen weniger Wochen nach der Wende Matthias Griebel berufen worden war. Vor kurzem übernahm das Fotomuseum Winterthur (eines der renommiertesten Fotomuseen der Welt) Brunners Dresden-Fotos in seine Sammlung – nachdem die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (einer der größten Museumsbetriebe der Welt) kein Interesse daran gezeigt hatten. Auch hier wird Geschichte später einmal neu gesehen werden…

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Website von Edy Brunner